Einschätzung der Lage in Berlin (West)

Mitteilung von Franz Amrehn (CDU) an den Bundesminister des Auswärtigen Herrn Dr. Heinrich von Brentano, datiert: 12. September 1961.

Wasserwerfer der Kampftruppen der DDR am Brandenburger Tor am 13. August 1961

Sowjetzonaler Wasserwerfer der Kampftruppen der DDR am Brandenburger Tor im Kampf gegen West- Berliner Demonstranten. Foto: Arved Raabe, Berlin (13.08.1961)

 

Die am Brandenburger Tor eingesetzten Kampfgruppen vertreiben mit Wasserwerfern die gegen die Absperrmaßnahmen demonstrierenden West-Berliner.

Bericht (Streng vertraulich):

Der 13. August hat zur Folge ...

1) Tiefe Erschütterung im politischen Bewusstsein aller Deutschen, und zwar der Zonenbewohner, weil sie über ein Jahrzehnt zum Ausharren aufgefordert und durch die Möglichkeit eines Besuchs in West-Berlin immer wieder von Hoffnung getragen, völlig unerwartet eingesperrt sind, der Berliner, weil die über die bestehende Verwaltungstrennung hinweg wirksam gebliebenen Arbeitsverhältnisse und menschlichen, vielfach familiären Beziehungen auseinandergerissen worden sind, Begegnungen nicht mehr stattfinden können und durch die Mauer für unabsehbare Zeit zwei Städte Berlin geschaffen worden sind, der Bewohner der Bundesrepublik, weil die schon erheblich geschwächte Aussicht auf Wiedererlangung der Einheit einen entscheidenden Stoß erlitten hat, der durch die Zuspitzung der Lage das Wohlstandsdenken überraschend in den Hintergrund gerückt und neben einem Gefühl nationaler Mitverantwortung auch ernste Besorgnisse für das westliche Deutschland ausgelöst hat.

2)

Beendigung der bisherigen Funktion Gesamt-Berlins als offener, noch viermächtegebundener Rest-Bestandteil des Deutschen Reiches, der durch seine bloße Existenz die Verpflichtung zur Lösung der deutschen Frage wachgehalten und die Keimzelle zur Überwindung der Teilung gebildet hat.
Schließung des Schaufensters Westberlin, das im Wettbewerb mit dem kommunistischen System dessen überzeugendste Widerlegung und die beste Rechtfertigung der freien Entfaltung auf dem Boden ungehinderter Meinungsäußerung, sozialer Marktwirtschaft und politischer Selbstbestimmung gewesen ist.

3)

Vorverlegung des Eisernen Vorhangs vor Ostsektor und Zone, die wegen der bisherigen Funktion Berlins noch nicht dahinterlagen und von Enttäuschung und Verzweiflung erst jetzt gepackt werden, seit die Bewohner keine Fahrt mehr durch das Brandenburger Tor, keine Reise mehr nach dem Westen machen und kein Schlupfloch mehr finden können.

4)

Vertrauensminderung, denn der Westen hat trotz der Betonung zunehmender Entschlossenheit die Losreißung Ost-Berlins und die Einverleibung in die Zone nicht verhindert, ja sogar seine eigenen Zugangsrechte an etwa 80 Übergängen auf einen einzigen verkümmern lassen. Der freie Verkehr in Berlin und die freie Arbeitsplatzwahl gehörten noch 1960 als Bestandteile des Viermächterechts zu den „wesentlichen Bedingungen” einer Vereinbarung mit der Sowjetunion, die durch ihr Vorgehen solche Absichten praktisch vereitelt hat. Dadurch hat der Westen trotz gegenteiliger Behauptungen rechtlich und tatsächlich Terrain verloren. Er hat wieder eine Schlappe erlitten. Sie kündigte sich bereits in dem großen Flüchtlingsstrom an. So gewiss er von dem Sowjetregime verursacht worden ist, so richtig bleibt doch, dass die wachsende Zahl von Flüchtlingen eben kein Vertrauen mehr zu der Macht des Westens besaß, die totale Schließung der 16 Jahre lang offen gewesenen Sektorengrenze zu verhindern.

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